ZÜRN!

das heißt, sei heftig, unwillig, aufwallend, ärgernd. Deine Zorn- und Racheader sei immer geschwollen.

Unica Zürn, (1916 geboren in Berlin, 1970 Freitod in Paris) Mit 10 Jahren weiß sie alles. Durch sexuelle Annäherungen ihres Bruders, durch die Begegnung mit einem Exhibitionisten und die 'obszönen' Bücher ihres Vaters. Es geht ihr wie den meisten kleinen Mädchen. Sie ist enttäuscht und begibt sich auf die Suche. In ihren Phantasien begegnet sie dem 'Mann im Jasmin', welcher sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr loslassen wird. Immer wieder von "Krisen", wie sie ihre psychischen Krankheitsperioden nannte, betroffen, schuf sie ein literarisches Werk, das in seiner Authentizität, seiner Tragik und seinem Reichtum fasziniert und erschüttert. Daneben wurde sie auch als Zeichnerin und Malerin bekannt und erregte in ihrer Eigenart und in der poetischen Kraft, die sie ausstrahlte die Bewunderung der großen Surrealisten, unter ihnen André Breton, Hans Arp, Marcel Duchamp, Henry Michaux, Man Ray, Max Ernst. In Paris lebte sie zusammen mit dem Künstler Hans Bellmer. Von Bellmer wurde sie zur Kunst des Anagramm-Dichtens* angehalten:

Sie weint bei einem Wachslicht im Dach.
Ach, sie wächst im Lichten, im Winde bei
Nacht. Sie wacht im weichen Bilde, im Eis
des Niemals, im Bitten: Wache, wie ich. Ich
weiss, wie ich macht man die Liebe nicht.

*(Anagramme sind Worte und Sätze, die durch Umstellen der Buchstaben eines gegebenen Wortes oder Satzes entstanden sind.)

Lange stand Unica Zürn im Schatten ihres Lebensgefährten Hans Bellmer, doch in den letzten Jahren wird immer mehr die eigenständige Qualität ihrer Arbeiten geschätzt.
Die tiefberührenden Texte, in denen sie von ihrem ständigen Kampf gegen Dressur, gegen Krankheit und gegen die Tragik des Lebens berichtet, geben einen Einblick wie viel der 'Kranke' im Grunde mehr weiß über sich als jeder Arzt und um wieviel mehr, wenn er ein Dichter ist.
Sie schrieb damit ihr Leben - insofern ihre Krankheit die Krankheit zu leben war. Flucht, Ausflucht, ja, Sucht in die Krankheit, in den Wahnsinn, hat Unica als Bestandteil ihres Dasein erkannt; und doch hat sie das Zerstörerische, die Krankheit, durch die Bewältigung der selbstgestellten Aufgabe in ein Positives, in ein Werk umgesetzt.
Ausgehend von diesem Werk, daß mit seinen inneren Kämpfen eine Welt widerspiegelt, die doch so nachvollziehbar ist, steht in dieser Inszenierung die Frau Unica Zürn in ihrem Menschsein im Vordergrund, in ihrem ständigen Kampf, mit ihrer Hoffnung in all ihrer Hoffnungslosigkeit.
Sie ist unweigerlich verwoben, angeknüpft an nicht zu lösende Bande, begehrt auf gegen Bevormundung, Dressur, Übergriffe und Vereinnahmung.

Weitere Informationen

Konzeption / Regie: Manfred Kerklau
Unica Zürn: Gabriele Brüning
Stimme Dr. Mortimer: Adreas Ladwig
Ausstattung: Verena Wieligman; Markus Blom
Licht: Sebastian Otto
Video: Stefan Hollekamp


Info

Unterstützt von:

  • Kulturamt der Stadt Münster
  • Gesellschaft der Musik und Theaterfreunde Münster und des Münserlandes e.V.
  • FB Architektur WWU Münster

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"Manfred Kerklau hat ein bild- wie wortgewaltiges Portrait der psychisch kranken Künstlerin auf den Dachboden der ehemaligen Reiterkasene am Leonardo Campus gebracht. Es zeigt die ganze Tragik eines sich selbstverzehrenden Lebens."
(Westfälische Nachrichten)

"Kerklau verdichtet die Lyrik Zürns zu einem Monolog von schmerzlicher Wucht, einem qualvollen und quälenden Gewaltritt durch die Seelenschluchten der Schizophrenie...Dennoch - der Abend bliebe eine bemerkenswerte Kopfgeburt, würde nicht Gabriele Brüning als Unica Zürn ihn beleben. Ihre Entgrenzungsbereitschaft, ihr Strampeln in den Fallstricken der Selbstfindung, ihr mal kindliches, mal katatonisches Gebaren ziehen unentrinnbar in den Bann."
(Münstersche Zeitung)